„Das wird man doch noch sagen dürfen!“

10 Menschen, grausam hingerichtet aufgrund ihrer Herkunft – was vor dem 04. November 2011 in Deutschland fast niemand für möglich hielt wurde nicht einmal 70 Jahre nach dem Ende der NS-Schreckensherrschaft zur kaum fassbaren Gewissheit und ließ die Bevölkerung wenigstens für kurze Zeit in einer Schockstarre zurück. Unlängst aber wird die Metaphorik vom vermeintlichen „Untergang des Abendlands" wieder salonfähig. Höchste Zeit, doch etwas aus der Vergangenheit zu lernen.  

 

© Bild: Thomas Witzgall

Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte – die Zeit des Nationalsozialismus - Verfolgung – Holocaust – Weltkrieg – ist uns aus dem Schulunterricht, zahlreichen Dokumentationen, Zeitungsartikeln oder Gedenkveranstaltungen gut bekannt. Gleichzeitig aber auch wegen der Grausamkeit und dem Ausmaß der verübten Verbrechen befremdlich und sehr weit weg. Während der Fokus der medialen Aufarbeitung der Hitlerbewegung in der Regel in der Zeit seiner Kanzlerschaft zwischen 1933-1945 liegt, dürfen wir eines nicht vergessen: der Nationalsozialismus kam nicht ohne Vorwarnung.

Wir schreiben das Jahr 1930, der Herbst ist da und es ist Wahlkampf. Ein Jahr liegen der Schwarze Freitag und der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zurück. In der noch jungen Berliner Republik regiert eine große Koalition, die NSDAP ist mit 2,6% bei der letzten Reichstagswahl noch eine scheinbare Randerscheinung. Aber eine, die wächst. Das zeigen die zunehmenden Erfolge bei verschiedenen Landtagswahlen. Dennoch ist das Ergebnis der Wahlen vom 14. September 1930 für viele überzeugte Demokraten ein Schock: mit einem Zuwachs von fast 16% werden die Nationalsozialisten nach der SPD zur zweitstärksten Kraft.

Wie war es möglich, dass die menschenverachtende Propaganda Hitlers so erfolgreich sein konnte, fragen wir uns heute kopfschüttelnd. Vielleicht, weil die Frage falsch gestellt ist. Denn die verbrecherische Fratze der NS-Bewegung verbarg sich 1930 hinter einer Fassade vermeintlicher Aufklärung. So wurde der Österreicher etwa nicht wegen, sondern trotz seines Antisemitismus gewählt. Im Wahlkampf des Jahres 1930 spielte sein Hass gegen das Judentum aber keine Rolle.

Zugeben: Niemand wird heute ernsthaft behaupten, dass sich die Geschichte unser Großväter und Urgroßväter in absehbarer Zukunft wiederholen wird. Reicht es aber nicht bereits, dass „der Mut zur Wahrheit“ wieder den Mainstream erreicht?

Kriselnde EU-Mitgliedsstaaten, die nur unser Geld wollen, böse Salafisten oder als Flüchtlinge getarnte „Sozialtouristen“ – ein national angehauchter Konservatismus kommt wieder in Mode. Diesen hat es in (noch) radikalerer Ausprägung mit der Deutschnationalen Volkspartei auch in der Weimarer Republik gegeben. Vor den Wahlen des Herbstes 1930 war diese sogar die zweitstärkste Kraft im Land. Am Ende wurde sie im Sog einer demokratiefeindlichen Atmosphäre von den Nationalsozialisten absorbiert. Diese Stimmung hatte sie selbst angeheizt. Viele Anhänger der DNVP suchten eine neue politische Heimat und fanden sie bei der radikaleren NSDAP.

Der Weg von rechts der Mitte bis nach ganz außen ist heute länger, daran gibt es keine Zweifel. Mag sein, dass die Mehrheit der Frustrierten und von der Politik Enttäuschten sich nicht mehr so weit verirren. Dass sich nach nicht einmal 70 Jahren überhaupt wieder Menschen auf den Weg machen, sollte uns aber aufhorchen lassen. Es ist unsere Pflicht, sich Ihnen in den Weg zu stellen. Denn rechtsmotivierte Gewalttaten und Morde sind das Ende. Am Anfang stehen Worte. Getreu des Stammtischslogans: "Das wird man doch noch sagen dürfen."

© Bayerisches Seminar für Politik e.V. 2017